Die Hemingway-Katzen

Linke Hinterpfote mit sieben Zehen eines weiblichen Maine Coon-Kätzchens mit Polydaktylie

Was sind polydaktyle Katzen? Die Geschichte hinter den Hemingway-Katzen

Wer in Key West (Florida, USA) das Ernest Hemingway Home and Museum besucht, wird dort auf eine faszinierende Kolonie von Katzen treffen. Diese Tiere sind berühmt für ein besonderes Merkmal: Sie haben mehr Zehen als normale Katzen. Doch was steckt wirklich hinter der Legende der „Hemingway-Katzen"? Ist es nur ein kurioses Anekdoten-Thema oder hat es handfeste wissenschaftliche Gründe?Die Antwort liegt in einer einzigartigen Mischung aus maritimer Geschichte, Genetik und der Leidenschaft eines der bekanntesten Schriftsteller der Welt.

Snow White und der Kapitän

Die Geschichte beginnt in den 1930er Jahren. Ernest Hemingway, damals bereits ein gefeierter Autor, lebte in Key West. Die Überlieferung besagt, dass ihm ein Kapitän eine weiße Katze namens „Snow White" schenkte. Diese Katze war polydaktyl – ein Begriff für das Vorhandensein von mehr als der üblichen Anzahl an Zehen. Snow White hatte an jeder Vorderpfote sechs Zehen. Sie wurde zur Stammutter einer der größten Kolonien polydaktyle Katzen der Welt. Heute beherbergt das Hemingway Home and Museum (das ehemalige Haus Hemingways) fast 60 Nachkommen dieser ursprünglichen Katze.Wichtig zu wissen: Die Katzen im Museum sind keine eigenständige Rasse. Das Merkmal der Polydaktylie kann in jeder Katzenrasse auftreten. 

Hemingway benannte seine Katzen traditionell nach berühmten Persönlichkeiten, und diese Tradition wird bis heute im Museum fortgesetzt.

Was ist Polydaktylie?

Hinter dem Charme der „Mitten-Katzen" (so werden sie oft liebevoll genannt) verbirgt sich eine komplexe genetische Anomalie.

Die genetische Ursache

Polydaktylie (auch Hyperdaktylie genannt) ist eine angeborene Variation, bei der Katzen mit mehr als der üblichen Anzahl an Zehen geboren werden.

  • Normale Katze: Hat 18 Zehen insgesamt (5 an jeder Vorderpfote, 4 an jeder Hinterpfote).
  • Polydaktyle Katze: Kann bis zu 9 Zehen an einer einzelnen Pfote haben.

Die Ursache liegt in einer Punktmutation im nicht-codierenden Bereich des ZRS-Genregulators (ZPA regulator sequence). Dieser Regulator steuert die Expression des Sonic Hedgehog (SHH)-Gens während der Embryonalentwicklung.

  • Das SHH-Protein ist entscheidend für die Musterbildung von Gliedmaßen und Zehen.
  • Durch die Mutation kommt es zu einer fehlerhaften (ektopischen) Expression des SHH-Gens auf der Vorderseite der Limb-Entwicklung, was die Zellvermehrung für zusätzliche Zehen auslöst.

Es ist wichtig zu betonen: Die Mutation allein erklärt nicht die volle Vielfalt. Die Ausprägung (Phänotyp) variiert stark, da sie von tausenden weiteren Prozessen während der Entwicklung abhängt (Zelldifferenzierung, Signalaustausch). Man unterscheidet zwei Formen:

  1. Preaxiale Polydaktylie: Zusätzliche Zehen auf der Innenseite (Daumen-Seite). Dies ist die häufigste Form und führt oft zu gut ausgebildeten, funktionsfähigen zusätzlichen Zehen.
  2. Postaxiale Polydaktylie: Zusätzliche Zehen auf der Außenseite (Kleinfinger-Seite). Diese ist seltener und die zusätzlichen Zehen sind oft weniger entwickelt.


Vererbung: Dominant, aber nicht immer sichtbar

Das Merkmal wird autosomal-dominant vererbt. Das bedeutet:

  • Wenn ein Elternteil das Gen trägt, besteht eine Wahrscheinlichkeit, dass die Nachkommen es erben. Allerdings ist die Vererbung nicht immer zu 100 % sichtbar.
  • Unvollständige Penetranz: Nicht alle Katzen, die das Gen tragen, zeigen die extra Zehen äußerlich. Selbst bei dominantem Erbgang kann das Gen „stumm" bleiben.
  • Variable Expressivität: Selbst wenn das Merkmal sichtbar ist, variiert die Anzahl der extra Zehen stark (von einem zusätzlichen Zeh bis zu mehreren) und kann auch zwischen den Pfoten unterschiedlich sein.

Wichtig für das Museum: Fast alle 60 Katzen im Museum tragen das Gen in ihrer DNA, auch wenn nur etwa die Hälfte von ihnen äußerlich die extra Zehen zeigt. Das bedeutet, dass Katzen mit nur 4 oder 5 Zehen (Normalzahl) immer noch Träger des Gens sind und sechszehige Kitten zeugen können – die Wahrscheinlichkeit liegt hier oft bei ca. 40–50 %.Die Verbreitung der Polydaktylie ist geografisch gebunden. Sie ist am häufigsten an der Ostküste Nordamerikas (USA, Kanada) sowie im Südwesten Englands und Wales zu finden. Historisch gesehen verbreiteten sich diese Katzen durch den maritimen Handel, insbesondere von Boston aus. Seeleute schätzten sie oft als „Glückskatzen" und für ihre Fähigkeit, Ratten auf Schiffen zu jagen und an Deck zu klettern.

Maine Coon und der „Hemingway-Mutant"

Wenn man über Polydaktylie spricht, ist die Maine Coon die Katzenrasse, die am engsten mit diesem Merkmal verbunden ist. Der spezifische genetische Defekt, der für die extra Zehen bei den Hemingway-Nachkommen verantwortlich ist, wird in der Wissenschaft oft als „Hw-Mutant" (Hemingway mutant) bezeichnet und wurde maßgeblich in Maine Coon-Populationen erforscht.Während die meisten großen Katzenvereine (wie FIFe oder GCCF) Polydaktylie als „Disqualifikationsgrund" ansehen, erkennt der TICA (The International Cat Association) die Maine Coon Polydactyl offiziell an. Hier darf die Katze jedoch maximal 7 Zehen pro Pfote haben.Trotz dieser Rassen-Assoziation ist es wichtig zu betonen: Polydaktylie kann in jeder Katzenrasse auftreten. Die Katzen im Hemingway-Museum sind keine reinrassigen Maine Coons, sondern eine bunte Mischung aus verschiedenen Farben und Rassen, die alle das gemeinsame genetische Erbe teilen.

Gesundheit und Pflege

Gibt es gesundheitliche Probleme durch die extra Zehen?

  • Keine Auswirkungen auf die Lebensdauer: Polydaktylie hat keinen Einfluss auf die Lebenserwartung der Katze.
  • Keine Gesundheitsrisiken per se: Die zusätzlichen Zehen sind physiologisch oft vollkommen intakt (mit Nerven, Blutgefäßen, Muskeln und Bändern).
  • Pflegehinweis: Die Hauptaufgabe für Besitzer:innen ist das regelmäßige Schneiden der Krallen. Da die zusätzlichen Zehen oft anders positioniert sind, können die Krallen leichter in die Pfote einwachsen oder hängen bleiben. Auch das Steckenbleiben der Krallen in Teppichen oder Gittern ist bei jungen Katzen häufiger.


Ein Rekordhalter

Die Variation der Anzahl der Zehen ist enorm. Der Guinness-Weltrekordhalter für die meisten Zehen war Erebus aus Wisconsin, USA, der 2017 mit 29 Zehen (7 an jeder Hinterpfote und 10 an jeder Vorderpfote) registriert wurde. Vor ihm hielten Jake (Kanada) und Paws (USA) mit je 28 Zehen den Rekord.

Mehr als nur eine Kuriosität

Die „Hemingway-Katzen" sind ein faszinierendes Beispiel dafür, wie Geschichte, Kultur und Wissenschaft verschmelzen. Was als Geschenk eines Kapitäns begann, entwickelte sich durch die Popularität Hemingways zu einer lebendigen Legende. Wissenschaftlich gesehen sind sie ein beeindruckendes Studienobjekt für die Genetik der Gliedmaßenentwicklung.Für dich als Katzenfreund:in bedeutet das: Ob mit 6, 8 oder 10 Zehen – eine polydaktyle Katze ist ein gesundes, normales Tier. Sie ist ein Stück lebendige Literaturgeschichte und ein faszinierendes Ergebnis der Natur.


Quellenangaben

  1. Ernest Hemingway Home and Museum - https://www.hemingwayhome.com/our-cats
  2. Polydactyl cat - https://en.wikipedia.org/wiki/Polydactyl_cat
  3. What Are Polydactyl Cats? - https://www.purina.co.uk/articles/cats/behaviour/common-questions/polydactyl-cats
  4. Bild: By Onyxrain - Own work, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=183681589 
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